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(…oder wie ich lernte die Seekrankheit zu lieben.)

Viel vom dem, was ich heute über Ungewissheit weißt, habe ich durchs Blauwassersegeln gelernt. Ungewissheit und Boote also. Beziehungsweise Ungewissheit und Segeln. Das eine hat mit dem anderen ja einiges zu tun, und ein paar Aspekte, die ich direkt vom Blauwassersegeln übers Navigieren in der Ungewissheit mitgenommen habe, möchte ich an dieser Stelle teilen.

 

1. Von der Feindin zur Lehrerin – was ich von der Seekrankheit über Anpassungsprozesse und Widerstände gelernt habe

 Wer hätte das gedacht. Und ich ging früher davon aus, dass ich wegen meiner Seekrankheit sicher nie würde segeln können, waren ja schon Fährenüberfahrten eine Qual. Tatsächlich habe ich während unserer Segelreise mehr als einmal die Fische gefüttert. Und gelitten. Und mich selbst verflucht. Und das Leben, die anderen, das Boot, die Wellen und überhaupt. Zugleich hat die Seekrankheit mich gezwungen mich auf eine Art mit mir selbst auseinanderzusetzen, wie ich das bis dahin noch nie getan hatte. Und ich konnte nicht aus. Sie hat mir gezeigt, wie sehr ich im Alltag gegen mich selbst, meine Intuition und meine Bedürfnisse gehe. Wie sehr ich alle Signale ignoriere, bis ich dann mal wieder mit einer Lungenentzündung einen Monat flachliege.

Vor allem aber hat sie mich gelehrt, was das ist, dieser viel beschworene „Anpassungsprozess“. Den wir gerade als Kollektiv durch die Pandemie erlebt haben und immer noch erleben. Zuallerersteinmal ist der nämlich eine Körperreaktion auf eine veränderte Umwelt. Man ist plötzlich nicht mehr im Gleichgewicht, und Seekrankheit ist ja genau das – eine Überempfindlichkeitsreaktion des Gleichgewichtsorgans. Und diese Anpassung – die körperliche und die psychische – die dauert so lange, wie sie eben dauert. Das zu wissen und zu verstehen, hilft. Es hilft auch zu wissen, dass Anpassungsprozesse ziemlich ungemütlich sein können – uncomfortable – weil man ja aus der Komfortzone rausgekickt wurde bzw. sich selbst rausgekickt hat.

 

Rike Pätzold Ungewissheitsexpertin Zukunftsdenkerin Blauwasserseglerin

Rückzugsraum Vordeck. Mein Lieblingsplatz bei ruhiger See zum stundenlangen aufs Wasser schauen.

 

Irgendwann kannte ich mich selbst dann so gut, dass ich schon wusste, wie ich am besten für mich sorge, dass die Symptome möglichst mild verlaufen. Alles so verstauen im Boot, dass keine nervigen Geräusche und Gerüche entstehen. Kaubonbons in Reichweite. Alles so vorbereitet und hergerichtet, dass ich mich nicht zuständig fühlen muss. Wetterfenster so auswählen, dass Ric zur Not den ersten Tag alleine zurechtkommt. Einen Platz im Boot rausfallsicher präparieren, dass ich weiß, da kann ich hin. Dann bleibt nur noch mich gut selbst zu beobachten. Die Seekrankheit kündigt sich immer schon weit vor der Übelkeit an, und je eher ich die Anzeichen (Lethargie, Lustlosigkeit, Müdigkeit, Konzentrationsschwäche, Gereiztheit) wahrnehme, desto schneller kann ich reagieren und mich hinlegen.

 

2. Gegenwind ist auch Wind… 

…aber gegenan segeln funktioniert trotzdem nicht. Was aber durchaus geht, ist hoch am Wind zu kreuzen. Kreuzen heißt zick zack segeln für die Nichtsegler. Und hoch am Wind ist, wenn der Wind von ganz schräg vorne kommt. Kaffeesegeln sieht jedenfalls anders aus. Meistens baut sich nämlich mit dem Wind von vorne eine ganz schöne See auf, und das Boot kracht in jede Welle. Das bedeutet dann blaue Flecken und Festkrallen beim Kochen.

Das ist auf einem kleinen sportlichen Segelboot sehr spaßig. Unser Segelboot ist nicht klein und auch nur mittelsportlich. Stell dir vor, deine kompletten 4-Zi.-Küche-Bad legen sich alle 30 Minuten von der einen auf die andere Seite. Genau. Irgendwas reißt oder bricht immer, und es fliegen Bücher, Töpfe, Zwiebeln oder Handys durch die Gegend.

 

Boat Coaching auf dem Boot Segelboot Rike Pätzold Compass Coach Mutexpertin

Hier noch aufgeräumt. Nach einem Hoch-am-Wind-Törn schaut es da ganz anders aus.

 

Ok, zugegeben, es gibt Situationen, da macht sogar mir am Wind Spaß. Bei schönem Wetter und wenig Wellen zum Beispiel. Dann sind wir vor allem schnell! Es war auch an einem dieser seltenen schönen Am-Wind-Segeltage, an denen ich folgende Erkenntnis hatte (nach zwei Wochen auf dem Wasser wird man entweder philosophisch, bekloppt oder beides).

Du brauchst nicht zwingend Rückenwind um voranzukommen. Gegenwind ist auch Wind – man muss nur den Kurs ein paar Grad ändern, und schon geht’s weiter! 

 

(Also meistens. Wenn man nicht bei Gegenströmung aus der Straße von Gibraltar raussegeln will. Bad idea, very bad idea.)
Du denkst jetzt vielleicht: Wow, that’s DEEP. Und dafür hat sie zwei Wochen auf dem Atlantik gebraucht?!
Ok ok, guter Punkt. Aber Moment, ich bin noch nicht fertig! Das hat nämlich auch mit dir zu tun.

Du kennst das vielleicht: du hast eine Idee, die du selber brilliant findest. Du kannst es gar nicht erwarten, sie mit der Welt zu teilen. Und dann? Skeptische Blicke und Einwände. Du bist enttäuscht, nimmst die Kritik dankend und etwas geknickt an und legst deine Idee erst mal zu den Akten. Versteh mich nicht falsch, (konstruktive) Kritik ist gut, aber nicht immer trifft sie zu. Andere Menschen sind nicht du, und nur, weil sie sich nicht vorstellen können, was du dir vorstellen kannst, heißt das noch lange nicht, dass es nicht machbar ist.

Wir Menschen orientieren uns überwiegend an einander, daraus entstehen dann kollektive Gedankenformen. Diese Gedankenformen geben vor, was innerhalb einer Gruppe richtig, wichtig und möglich ist. Visionäre Ideen haben dagegen meistens gemeinsam, dass sie kollektive Gedankenformen in Frage stellen. Ob Einstein mit seiner Relativitätstheorie oder Steve Jobs mit dem iPhone – hätten beide auf ihre Kollegen und Zeitgenossen gehört – wären sie nicht hart am Wind gesegelt, hätten wir heute wahrscheinlich weder die eine noch das andere.

Vielleicht achtest du andersrum mal drauf, wie du auf Ideen anderer Leute reagierst, ob du sie gleich kritisch zerpflückst, oder ob du sie erst mal ein bisschen wachsen lässt.

 

3. Sweetspot zwischen Minimalismus und Backup

 Ich werde oft gefragt, ob, wenn man eh nicht wirklich planen kann, am besten in den Tag hineinlebt, ohne an morgen zu denken. Oder doch lieber auf alles vorbereitet ist, also wie der Prepper, der auf Jahre im Voraus Klopapier und Nudeln bunkert.

 

Verproviantierung Greg Funnell für SZ Familie 2018 Rike Pätzold Ungewissheitsexpertin Zukunftsdenkerin Blauwasserseglerin

Dosentomaten gehen immer. (Photo Credit Greg Funnell für SZ Familie)

 

Für mich liegt die Antwort genau dazwischen, und ich erkläre das dann gerne am Beispiel einer Atlantiküberquerung. Es braucht genug Proviant, Wasser, Ersatzteile und Werkzeuge, um auch Flauten aussitzen und Stürme überstehen zu können. Jetzt ist das Boot vom Platz her aber nicht besonders groß, und je mehr ich es vollstopfe, desto schwerer liegt es im Wasser. Ab einem bestimmten Punkt wird es so schwer, dass es gefährlich werden kann. Weniger, weil es sinken könnte, sondern vielmehr, weil ihm dann die Wendigkeit fehlt, starke Winde und steile Wellen gut abzureiten.

Es geht also darum die richtige Balance zu finden, ich nenne das den „Sweetspot“ zwischen Minimalismus und Backups.

Fürs Leben gilt das genauso. Bin ich nur effizienzgetrieben und stoße alles scheinbar Unnötige und Überzählige ab, laufe ich Gefahr im Ernstfall auf nichts zurückgreifen zu können. Dabei gehören zu Backups nicht nur Geld auf der hohen Kante zu haben. Sondern auch Fähigkeiten (wie in meinem Fall Chinesisch unterrichten) und ein tragendes Netz an gelingenden Beziehungen. Plan B. Fall-Back-Strategien.

Auf der anderen Seite gibt es den Punkt, an dem man sich zu viel auflädt. Wer hohe Fixkosten hat, muss die erstmal in der Lage sein zu verdienen. Wer mit viel Gepäck reist, ist nicht besonders flexibel.
Beim Boot ist es wichtig, immer wieder zu schauen, was man so an Bord hat. Ob die Werkzeuge noch funktionieren, das Wasser noch trinkbar ist, die Tomatendosen noch nicht verrostet. Alles rauszuwerfen, was weder Backup noch notwendig ist. Wann hast du das letzte Mal in deinem Leben Inventur gemacht? Was kann weg? Was macht Sinn zu behalten? Dieser Sweetspot ist übrigens ganz individuell, aber den eigenen zu kennen, ist unbezahlbar.

 

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